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Es lohnt sich, einen Stift zu haben
Schreiben in der systemischen Therapie und Beratung
Carmen C. Unterholzer

Buchrezension von Martin Ritsch

Und es macht einen Unterschied, wenn KlientInnen in der Therapie schreiben. Dies wird im gerade erschienenen Buch von Carmen Unterholzer über das Schreiben in der systemischen Therapie mehr als deutlich. Und der Unterschied ist sehr unterschiedlich und vielfältig - wie das weite Feld der Psychotherapie selbst.
Carmen Unterholzer gibt in einer feinen und konzentrierten Darstellung Auskunft über die geschichtliche Entwicklung schreibtherapeutischer Methoden in den unterschiedlichen Therapierichtungen. Damit erhält die LeserIn einen fundierten Überblick und ein Gefühl für die schreibtherapeutische Szene einst und jetzt.
Dabei wird deutlich, die Schreibtherapie ist so unterschiedlich in Vorgehen und Haltungen wie die einzelnen therapeutischen Ansätze, die dahinter stehen. Und natürlich wird auch das Verbindende der einzelnen Richtungen sichtbar, schulenübergreifende gemeinsame Einsichten wie zum Beispiel die Teile-Arbeit, das Internalisieren oder Verankern von Lösungsmöglichkeiten.
Ein weiteres Kapitel ist den verschiedenen Textsorten gewidmet, die in der Schreibtherapie verwendet werden können. Die Darstellung dieser unterschiedlichen Textsorten zeigt die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten auf und regt an, Neues im therapeutischen Alltag auszuprobieren. Neben bekannten Textsorten wie Brief und Tagebuch werden auch unkonventionelle Sorten wie Manifeste und Beipackzettel beschrieben.
Neben dem Einsatz in der Einzeltherapie – in der Therapiestunde selbst sowie als Aufgabe zwischen den Stunden - liegt eine Stärke des Buches in der detaillierten Beschreibung eines gruppentherapeutischen Einsatzes der Schreibtechniken. Sehr strukturiert mit vielen Anleitungen und einem roten Faden werden unterschiedliche Formate beschrieben, die unmittelbar einsetzbar erscheinen.
Doch Schreiben allein ist zu wenig. Es lohnt sich nicht nur den Stift zu bemühen, sondern genau zu überlegen, was in welchem Kontext sinnvoll erscheint. Schreiben kann im falschen Kontext sogar schädlich werden, negative Erfahrungen können sich verfestigen wie die „Rille einer Schallplatte.“
Die Transformation des Geschriebenen ist der entscheidende Faktor, der Wirkung in den therapeutischen Prozess bringt. Die bestimmte Gestaltung eines Textes, die Verschiebung des Fokus oder ein Perspektivenwechsel bringt den persönlichen Abstand, einen neuen Überblick, neue Einsichten und Lösungen für den Alltag. Und nicht jedes Problem ist geeignet für schreibtherapetische Interventionen wenn es nach Carmen Unterholzer geht. So problematisiert sie den Einsatz im Bereich einer depressiven Störung. Vielleicht ist hier aber auch die Wahl des schreibtherapeutischen Mittels entscheidend und mehr an Entwicklung verfeinerter Methoden möglich.
Das Buch bietet auch einen wunderbaren Überblick über systemisches Arbeiten in der Psychotherapie, für Kenner eine gute systemische Auffrischungs-Imfpung, für andere vielleicht eine willkommene Gelegenheit sich mit systemischen Interventionen bekannt zu machen.
Der schreibtherapeutische Ansatz hat viele Vorteile, besonders deutlich wird im Buch von Carmen Unterholzer die konsequente Aktivierung der eigenen Ressourcen von KlientInnen und die Stärkung des Selbstwerts und der Selbstwirksamkeit im Erleben der Produktion eigener Texte. Und dies erleichtert nicht zuletzt die therapeutische Arbeit – eine klassische win-win-Situation also, die ich nur empfehlen kann.